Reading (Lesen)
Part 2Lesen Sie den folgenden Text und lösen Sie die Aufgaben 1–3. Markieren Sie die richtige Lösung (a, b oder c).
Die geraffte Zeit
Kaum eine Klage ist unter Erwachsenen so verbreitet wie diese: Früher hätten sich die Sommerferien endlos gedehnt, heute sei ein Jahr vorbei, ehe man es richtig begonnen habe. Die naheliegende Erklärung liefert eine schlichte Rechnung. Für eine Zehnjährige ist ein Jahr ein Zehntel ihres bisherigen Lebens, für einen Fünfzigjährigen nur noch ein Fünfzigstel.
So elegant diese Proportionstheorie klingt, so wenig hält sie der Überprüfung stand. Fragt man Menschen, wie schnell ihnen die vergangene Stunde oder Woche vorgekommen sei, unterscheiden sich Alte und Junge kaum. Erst beim Rückblick auf Jahre und Jahrzehnte tritt der Unterschied zutage.
Plausibler ist daher eine Erklärung, die beim Gedächtnis ansetzt. Wie lang uns ein Zeitraum im Nachhinein erscheint, hängt offenbar davon ab, wie viele unterscheidbare Erinnerungen er hinterlassen hat. Die Kindheit ist voller erster Male; das Erwachsenenleben dagegen verläuft in Routinen, die im Gedächtnis zu einem einzigen grauen Block verschmelzen.
Ratgeber leiten daraus inzwischen die Verheißung ab, man könne sein Leben durch ständig neue Erlebnisse gleichsam verlängern. Ganz falsch ist das nicht, nur wird aus einer Beobachtung über das Erinnern flugs ein Programm zur Selbstoptimierung. Wer jedes Wochenende zum Abenteuer erklärt, um später auf ein langes Leben zurückblicken zu können, hat die Gegenwart womöglich schon verpasst, bevor sie vorbei ist.
- 1. Was spricht laut Text gegen die Proportionstheorie?
- a) Die Rechnung, auf der sie beruht, ist mathematisch nicht haltbar.
- b) Bei kurzen Zeiträumen empfinden Ältere und Jüngere die Zeit ähnlich schnell.
- c) Kinder erinnern sich an ihre Ferien schlechter als Erwachsene.
- 2. Warum erscheint das Erwachsenenleben im Rückblick laut Text kürzer?
- a) Weil gleichförmige Tage kaum voneinander getrennte Erinnerungen hinterlassen.
- b) Weil Erwachsenen weniger freie Zeit für Urlaub und Hobbys bleibt.
- c) Weil das Gedächtnis mit zunehmendem Alter allgemein nachlässt.
- 3. Welche Haltung nimmt der Verfasser gegenüber den Ratgebern ein?
- a) Er hält ihre Empfehlungen für wissenschaftlich widerlegt.
- b) Er rät dazu, ihre Empfehlungen konsequent umzusetzen.
- c) Er erkennt einen wahren Kern an, kritisiert aber die Zuspitzung.
Answer and explanation
- 1. b) Bei kurzen Zeiträumen empfinden Ältere und Jüngere die Zeit ähnlich schnell. — Evidence: 'Fragt man Menschen, wie schnell ihnen die vergangene Stunde oder Woche vorgekommen sei, unterscheiden sich Alte und Junge kaum.' If the proportion theory were right, the age difference would show up for short periods too; it only appears when people look back over years. Trap (a): the text calls the theory 'elegant' and 'eine schlichte Rechnung'; it never questions the arithmetic, the objection comes from observation. (c) is not in the text; it even says childhood is full of 'erster Male', which suggests the opposite.
- 2. a) Weil gleichförmige Tage kaum voneinander getrennte Erinnerungen hinterlassen. — The evidence is in two sentences: '… hängt offenbar davon ab, wie viele unterscheidbare Erinnerungen er hinterlassen hat' and 'Routinen, die im Gedächtnis zu einem einzigen grauen Block verschmelzen'. The correct option paraphrases this: 'gleichförmige Tage' = routines, 'kaum voneinander getrennte Erinnerungen' = one grey block. Trap (c): the word 'Gedächtnis' is in the text, but the text never says memory declines with age; the issue is how few distinct events there are to remember. (b) sounds plausible but is general knowledge, not the text; C2 often uses such 'world knowledge' distractors.
- 3. c) Er erkennt einen wahren Kern an, kritisiert aber die Zuspitzung. — This item tests implicit meaning: the author never states his view outright, you infer it from signals. 'Ganz falsch ist das nicht' is a concession (there is a kernel of truth); 'nur wird … flugs ein Programm zur Selbstoptimierung' is the criticism, and 'flugs' (all too hastily) adds a touch of irony. The last sentence names the cost of the exaggeration: missing the present. Trap (a) is too strong: he does not call the advice disproved, he partly agrees with it. (b) is the choice of readers who miss the criticism in the final sentence.
In the real exam Leseverstehen Teil 2 has one long text and 10 questions (a, b or c; 1 point each). You have 80 minutes for the three parts and 25 items of the reading section. At C2 the correct option rarely repeats the words of the text; distractors often borrow a keyword from it (here 'Gedächtnis') or say something stronger than the text does (here 'widerlegt'). Level Exams full mock exams run on the real timing.